Die langsame Verschulung der Universität

„Hast du heute Zeit? Unternehmen wir etwas?“ – „Nein, ich habe am Freitag einen Test“. Es ist nicht nur einmal vorgekommen, dass meine Kolleginnen und Kollegen, die im Bachelorstudium sind, keine Zeit haben. Fast jede Woche gibt es einen Übungstest, Überraschungstest oder Anwesenheitspflicht. Die ganze Woche wird nur gelernt, damit das Bachelorstudium rechtzeitig abgeschlossen wird und keine Beihilfen verlorgen gehen. Zeit für Freizeitaktivitäten oder sogar Arbeit gibt es nicht wirklich. Dabei ist hier nicht die Mindeststudienzeit gemeint. Die meisten brauchen ein bis zwei Semester länger, obwohl niemand auf der faulen Haut liegt. Da stellt sich für mich die Frage, wann ist die Universität zur Schule geworden?
Alles begann mit dem Bologna Prozess. Dieses politische Vorhaben zur Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulwesens wurde in vielen Studien in Österreich, besonders auf der Technischen Universität Wien, schamlos ausgenutzt um eine teilweise Verschulung der Universität zu erzielen. Während man in den Diplomstudienplänen relativ viele Freiheiten hatte, was die Reihenfolge der Prüfungen angeht, muss man jetzt das Bachelorstudium abgeschlossen haben und ein Masterstudium abzuschließen zu können. Man darf zwar, meistens mit einigen Randbedingungen, Lehrveranstaltungen aus dem Masterstudium schon während des Bachelorstudiums machen, aber das ist in vielen Studien von den Vortragenden sehr ungern gesehen. Ein Beispiel aus der Schule: wenn man die erste Klasse nicht geschafft hat, darf man nicht in die zweite.
Dem gegenüber steht ein einheitliches Hochschulwesen in Europa gegenüber. Man kann also in Österreichen ein Bachelorstudium abschließen und im Ausland ein Masterstudium studieren. Das ist meistens mit qualitativen Zugangsanforderungen verbunden. Nachdem jedoch die Bachelorstudien sehr ähnliche Ziele haben, sind die Zugangsanforderungen kein großes Hindernis.
Eine große Einschränkung im Zusammenhang der Bachelor- und Masterstudien ist sehr wohl die Einführung von Vorlesungsübungen. Viele der Fächer, die in den Diplomstudienplänen aus einer Vorlesung und einer Übung bestanden, wurden mit der Einführung der Bachelor- und Masterstudien zu Vorlesungsübungen geändert. Das Argument war, dass die Studierenden zu lange für die Vorlesungsprüfungen gebraucht haben. Was aber nicht bedacht wurde (ich beziehe mich jetzt speziell auf die naturwissenschaftlichen Studien) ist, dass man eine gewisse Zeit braucht um ein Thema zu verdauen. Zwischenzeitlich haben viele Studierende Wahlfächer gemacht und ihr Wissen vertieft. Das hat zum besseren Verständnis der Vorlesung geführt. Dies ist jetzt nicht mehr möglich, weil man sich beeilen muss, damit man rechtzeitig mit dem Studium fertig wird. Meine Beobachtung ist, dass die Studierenden keine Zeit zum Nachdenken haben. Schnell, schnell alles lernen und Tests schreiben, aber hat man darüber nachgedacht und es wirklich verstanden? Hatte man die Möglichkeit gedankliche Verbindungen zu anderen Themen und Fächern machen können? Ich befürchte nicht.
Dem gegenüber steht natürlich ein Vorteil, zumindest glauben das einige, für die österreichische Wirtschaft. Je schneller eine Studentin oder ein Student fertig wird, desto schneller wird sie oder er Steuern zahlen. Natürlich kostet jemand, der 18 Semester lang studiert hat dem Staat mehr als jemand der in Mindeststudienzeit fertig wird. Zumindest ist das eine weit verbreitete Meinung. Ich bin gegenteiliger Meinung. Besonders in der Naturwissenschaft braucht man Zeit um die Materie zu verstehen. Das ist in Mindeststudienzeit unmöglich.
Die Krönung im Moment ist die STEP, die ja mit der UG Novelle nun beschlossen ist. Die Studieneingangsphase, die der Orientierung dienen soll und gleichzeitig die nächste Stufe wird, die man absolvieren muss um mit dem Studium weitermachen zu können, wird nun eingeführt. In den meisten Studienrichtungen wurde eine solche Studieneingangphase vor langer Zeit schon abgeschafft. Viele Studien haben nun Einführungsvorlesungen, die der Orientierung dienen sollen. Diese sind meistens am Anfang des ersten Semesters und geben einen guten Einblick in das Studium, sind aber für das weitere Studium nicht verpflichtend. Allerdings kommt an dieser Stelle wieder die Befürchtung, dass die Studierenden die Vorlesungen aus dem ersten Semester erst im fünfen machen könnten. Nachdem diese als Grundlagen aber sehr wichtig sind, müssen sie auch im ersten Semester absolviert werden. Bei solchen Gedankengängen frage ich mich wirklich ob die Vortragenden glauben, dass das Wissen fehlt, solange man die Prüfung nicht abgelegt hat. Ein Beispiel von mir: ich habe in meinem ersten Semester die „Grundlagen der Physik I“ Übung nicht geschafft. Nachdem man dann laut Studienplan die Prüfung für „Grundlagen der Physik I“ Vorlesung nicht ablegen durfte, musste ich bis zu meinem dritten Semester warten um die Übung zu absolvieren und die Vorlesungsprüfung zu machen. Inzwischen hatte ich das zweite und dritte Semester mit Erfolg abgeschlossen. Das heißt, dass ich bis zu meinem dritten Semester alles aufgeholt hatte und ohne Verzögerung weiter studieren konnte. Jetzt stellt sich für mich die Frage wie das denn gewesen wäre, wenn diese Übung ein Teil einer STEP gewesen wäre. Dann wäre mein Studium um mindestens ein, eher wahrscheinlich aber zwei, Semester verzögert worden. Es hatten einige meiner Kolleginnen und Kollegen das selbe Problem.
Zu viele Stufen, die absolviert werden müssen, bevor man mit dem Studium weitermachen kann, zu wenig Wahlmöglichkeiten während des Studiums und zu viel Anwesenheitspflicht sind nur die ersten Schritte in Richtung Verschulung der Universität. Ich bin glücklich darüber, dass ich noch im Diplomstudienplan bin, weil ich es während meines Studiums geschafft habe zu arbeiten, Spaß zu haben, Studienvertreterin zu sein, über die Physik nachzudenken, mein Wissen zu vertiefen und mich jetzt auch in der Universitätsvertretung zu engagieren. Ich werde sicher mindestens 15 Semester für mein Studium brauchen und ich bin stolz darauf. Danach werde ich auch noch meine Dissertation schreiben und wahrscheinlich in die Forschung gehen. Ich will mich für alle meine Nachfolgerinnen und Nachfolger einsetzen, damit auch sie alle diese Vorteile des „länger studierens“ erfahren können und die Verschulung der Universität gestoppt wird.

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